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EINBLICKE INS ALLUMFASSENDE
Zu Hannes Löschels Solo-CD „Konferenz der Armseeligkeit"
Von Robert Bilek


KRAUT & RÜBEN

Exzeptionell konzeptionelle Kraut und Rüben sind für Hannes Löschel kein Widerspruch, oder höchstens ein Widerspruch, den es, wie alle anderen auch, aufzulösen, zu überwinden gilt. Widersprüche sind der Motor in Löschels musikalischer Arbeit. Daher verwundert es nicht, daß die Solo-CD des Pianisten über weite Strecken bloß entfernt nach Klavier klingt. Piano-Miniaturen, Soundcollagen, sich selbständig machende Gitarren-Effektgeräte klimpern und dröhnen. Kraut und Rüben eben. Und doch eine runde, hörbare Sache, die den Null- Bock-auf-Avantgarde-Autofahrer-Test mit Höchstnote bestanden hat. Jedes Stück weiß, was es will, keines langweilt, auch die Noisepassagen nerven nie. Und sollte die Fahrt vor der CD zu Ende sein, bleibt man vielleicht sogar sitzen und hört, bevor man aussteigt, noch ein Stück mehr.


JIMI & DIE BOURGEOISIE

Das präparierte Klavier war bei Hannes Löschel Bestandteil der musikalischen Früherziehung. Seither verfolgt ihn die Idee des extended piano - und er sie. Nicht um den bourgeoisen Klimperkasten zu zertrümmern, ihn aus dem vierten Stock zu stürzen, oder ihn mit Maultierkadavem zu füllen, sondern um ihm neue Klänge zu entlocken. Mit der Fat Cat, einem gelblackierten Ding, das als Gitarrenverzerrer Rockgeschichte geschrieben hat, und einem Flanger treibt Lösche! dem Pianoforte den Virtuosenwahn aus, wuchtet das schwerwiegende Instrument aus der ebenso wohltemperierten wie akademisierten Hochblüte des 19.Jahrhunderts ins angelaufene Jahrtausend herüber. Findet den Anschluß an gegenwärtige Klangwelten, ohne sein Baby mit dem Bade auszuschütten, ohne die immer noch gültige Erotik des analogen Instruments dem Trend zu opfern.


GLANZ & ELEND DER KONSEQUENZ

Hin und hergerissen zwischen dem Konkreten und Abstrakten, zwischen dem Musikantischen und dem Konzeptuellen tut Löschel das einzig mögliche: er komponiert, zügelt die Leidenschaften um sie dann gebündelt schiessen zu lassen, gießt sie in Formen, heizt mit der Stabilität des einen das Feuer des anderen an. Wenn er radikal reduziert, dann nicht aus Selbstzweck, sondern um die Aussage konzis auf den Punkt zu bringen. Jedes Stück ein Gedanke. Löschel ist immer für alles. Die Dinge, sagt er, sollen einander nicht ausschließen, sondern zusammenspielen. Eine Haltung, die keineswegs von Unentschlossenheit zeugt, sondern vielmehr von Mut. Die Konsequenz liegt in der Offenheit!


TASTEN & KNÖPFE

Wir sind umgeben von den blubbernden Beats, dem Schnarren und Kratzen der Neuen Elektronik. Löschel reagiert mit Faszination und Distanz. Am Knopf drehen und es einfach geschehen lassen, Dinge, Entwicklungen zulassen, Passivität demonstrieren, die provoziert, die Musik nicht „mit romantischer Virtuosität zukleistern". Darum geht es in den „Distortion "-Stücken. Einen Verzerrer aufdrehen kann ja wirklich jeder, aber daraus Musik, mehr noch, Kunst zu machen, dieser Anspruch hat - wie Lösche! sagt - eine geradezu moralische Dimension.


HANNES & JOHN

... Da hört man eben auch eine Sequenz über die Schwererziehbarkeit klingonischer Kinder in der gerade laufenden Raumschiff Enterprise Episode vom Fernseher und Radio und präpariertes Klavier...und wie eine Feuerwehr durch die Aufnahme fährt... "


PLAN & ZUFALL

Manchmal, in Home-Recording-Situationen, passiert das Eindringen der Alltagsgeräusche rein zufällig, dann wieder jagt Löschel den Sounds geradezu nach, bannt Straßenmusik aus New York auf DAT-Band, läßt alles gut abliegen und verarbeitet es Jahre später zu einem auskomponierten Stück. Kombiniert mit Toy-Piano und kleinen halbelektronischen Geräuschquellen aus dem Spielzeuggeschäft entsteht eine Konferenz der Armseeligkeit : ein „exakt erwürfeltes“ Konzept für die 11 diatonisch gestimmten Tasten des Spielzeugklaviers plus hohem Klavierklang und darum herumgruppierten „cheep extensions“. Dem Auftrag entsprechend notiert und reproduzierbar. Im Gegensatz zu den „Living Room Sources“, für die ein rein konzeptueller Rahmen vorgegeben : ein Pianist steuert parallel zu seinem Spiel am Flügel mittels remote control alles an, was im „Wohnzimmerambiente“ so anzutreffen ist . Akustischer Sperrmüll, der durch geheime Kräfte zusammengehalten wird, zu einem Stück Musik jenseits aller Regeln und Gebrauchsanweisungen gerinnt.


KURZ & LANG

Das Ende ist nah, meistens jedenfalls. Von 21 Stücken auf der CD dauern elf keine zwei Minuten. Das kürzeste ist gerade 36 Sekunden lang. Löschel hört dann auf, wenn ein Gedanke, eine Bewegung zu Ende ist. Als Folge der Suche nach etwas Bündigem, wie er sagt. Motivische Variationen vermeidet er - alles ist schon gesagt auf diesem Gebiet. Betraum I-VI oder auch die Bruchstücke sind die Folge. Dort wo eine Nummer so um die drei Minuten dauert - wie bei einigen Distortion-Slücken, geht es um die Wahrung des Gleichgewichts zwischen Raum und Zeit, um Entfaltung eines Klangphänomens, auch um Verständlichkeit. Um Obertonspektren zu hören, muß man die Ohren und den Geist erst darauf einschwingen. Lösche! gibt dem Hörer die Chance, wahrzunehmen. Der Höhepunkt wird vorbereitet - auch wenn es ein negativer Höhepunkt ist. Living Room Sources darf sich bereits über fast 6 Minuten ausbreiten. Die Konferenz der Armseeligkeit ufert aus: 10 Minuten und 16 Sekunden. Löschel geht es dabei ums Runterkommen, um Ruhe, um die Auflösung der vorangegangenen Verdichtungen, darum auch, sich selbst zu widersprechen und natürlich darum, aus dieser Dialektik den Schwung fürs Finale zu gewinnen. Hinter dem bewußten Spiel mit der Langeweile steht ein Anspruch: „Man soll das auch beim Geschirrabwaschen hören können, das ist ja auch ein Kriterium" – Wie gesagt, es geht auch beim Autofahren!


SOLO & SOLO

Wenn Löschel die Tasten des reinen, unverfälschten Flügels bedient, dann macht er das so wie ein Zen-Meister den Pinsel schwingt. Die ganze Konzentration liegt in der einen Bewegung und fügt sich zu einer akustischen Kalligraphie von gebündelter Energie.
Die Suite Betraum I - VI ist das Ergebnis einer 50 minütigen Aufnahmesitzung plus nachfolgender Selektion. Die Stücke sind ungeschnitten, Konzept-Improvisationen, über jeweils einen musikalischen Gedanken, der jedoch ein ganzes Spektrum von Stilelementen - von der atonalen Etüde bis zur Jazzballade - durchschimmern läßt. Einheit und -oder trotz -
Fragmentierung. Löschel zwingt sich zur Reduktion, zum Minimalismus, obwohl er weiß:
„ Wenn ich am Klavier solo spiele, dann bin ich nicht nur reduziert. Das bin nicht ich. Dazu bin ich zu wenig „Künstler“, vielleicht zu sehr Musikant. Und genau aus dieser Spannung entsteht meine Musik, aus der Reibung zwischen dem Musikantischen, Üppigen und der Hingabe zum Abstrakten und zur Reduktion. ". Wie auch immer - Löschel bewältigt die Reduktion, indem er, sozusagen beim Hintertürl den ganzen Reichtum seiner Musikalität in komprimierter Form wieder hereinbringt. Um den Zen-Vergleich nochmals zu bemühen: Musik als Koan. Als paradoxes Rätsel, das den Geist des Hörers für die übergegensätzliche Wirklichkeit öffnet.


MELODICA & VOLKSMUSIK

Mitten drin zwischen Verzerrungen und Abstraktionen, dem Ringen um Reduktion und dem Ausufern konkreter Sounds plötzlich Flangerous - ein entrücktes Stück alpenländischer Volksmusik im Zeitlupentempo, gespielt auf der Melodica, getragen vom Klavier, dessen Schwingungen diesmal durch ein anderes Effektgerät gejagt werden: den Flanger. „ Flangerous ist weder volkstümlich noch parodistisch, sondern einfach ein glücklicher Fund, die erste Improvisation die Lösche! zum Flanger-Effekt eingefallen ist, die auch die überzeugendste geblieben ist. Der Zauber des Augenblicks wurde erfolgreich eingefangen und ganz entspannt in die musikalische Umgebung integriert. Was sonst sollte man auf einer Melodica schon spielen, fragt Lösche! und überläßt sich mit kokettem Seitenblick wie gewohnt den Schönheiten des verbotenen Materials.


GRIND & HIGH TECH

Das Prinzip Kraut & Rüben führt Löschel auch bezüglich Aufnehmetechnik konsequent weiter. Es sei ihm wichtig gewesen, aufnehmetechnischen Pluralismus auf einer CD walten zu lassen, sagt er. Denn das „Grindige", das zur Zeit aus unzähligen Home Recording Studios quillt, hat seinen Reiz, bringt das Flair der low budget-Unabhängigkeit in die Musik, wenn man will, auch das Pathos der ständigen Bereitschaft zum Widerstand. Doch eine propere, teuer bezahlte Studio- aufnahme hat natürlich auch ihre Vorteile. Jetzt will er weder das eine noch das andere missen. Warum auch, eine Entscheidung für das eine oder andere wäre - in seinem Fall -ohnehin inkonsequent.


MUSIK & MYSTERIUM

„Ich möchte das Mysterium in der Musik nicht mutwillig betonen, nur um eine einzige mögliche Umschreibung unversucht zu lassen. Aber es bleibt sowieso drinnen. Und die Leute würden mir ja wegrennen. wenn ich ihnen sage, die Musik isl ein Mysterium...“


& SCHLUSS

„ Ich glaub ich lern doch noch einmal E-Gitarre. "


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