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Jazzthetik 9 /99
Robert Bilek

Pianissimo!
Nach einer fulminanten CD wie While You Wait von Löschel/Skrepek/Zrost ist dem österreichischen Pianisten Hannes Löschel wohl gar nichts anderes übrig geblieben, als die Flucht nach vorne, beziehungsweise in eine ganz anderer Richtung anzutreten. Statt der messerscharfen Analyse des Jazz-Idioms auf der ersten Platte bringt messages schlicht und ergreifend Kammermusik. Melancholische Klänge in melodiebetonter Distanz zum Improvisationsgenre «Hard Core Chamber Music», und dann doch wieder stark in dieses hineinlappend. Die melodische Melancholie des Anrufbeantworters
Über messages von Hannes Löschel

Obwohl die Improvisation eine ebenso große Rolle spielt wie die Konzeption/Komposition, überwiegt doch eine Stimmung, die auf sehr wienerische Weise, an Spätromantik und Zweite Wiener Schule erinnert. »aber für mich darf einfach nix verboten sein.« Diverse stilistische Anklänge will er ebenso wenig unterbinden wie Tonalität oder jene schönen, traurigen Mollklänge, die er so liebt. »Der Lauser im Kopf muß einfach zu seinem Recht kommen beim Komponieren. «

Löschel ist Pianist, zeitgenössisch ausgebildet, mit viel Erfahrung am präparierten Instrument, und er steht dazu: »Ich möchte mein Leben lang wissen, was der Flügel alles kann – ihn immer erweitern, nie ersetzen.« Zu Löschels Klavier hinzu kommen auf messages die Violine von Joanna Lewis, das Cello von Michael Williams, die Bassklarinette von Ernesto Molinari und das elektronische Know – how von Josef Nowotny. Sprich: die Creme jener internationalen Musiker, die sich in Wien derzeit virtuos zwischen Neuer Musik und Improvisation bewegen. Das hört man klarerweise. Und so ist die Musik auf messages trotz aller Melancholie niemals blass, niemals matt, sondern in jedem Moment tragfähig und stark.

Messages ist die Live-Aufnahme eines Auftragswerks. Ausgeschrieben vom und aufgeführt im »Echoraum«, einem der kleinsten, aber auch feinsten Wiener Veranstaltungsorte. Primärreaktion des Beauftragten: »Hoffentlich kann ich eine so gute Musik machen, wie die das Plakat gestaltet haben.« Jenseits der bloß ästhetischen Kompetenz stellte sich schließlich das Thema, dem sich die Komposition unterzuordnen hatte: Musik und Medien.
»Als erstes hab ich mir ein Buch von Vilem Flusser gekauft, weil ich überhaupt nicht wusste, was ich tun sollte«, gesteht Löschel. Ein Jahr hat er dann gesammelt, was auf dem Anrufbeantworter in seinem Atelier so aufgelaufen ist, um aus diesem Material schließlich ein musikalisches Konzept zu entwickeln. »Die meisten Messages bei mir zu Hause sind Störgeräusche, weil die meisten Leute wieder auflegen. Telefonieren ist für mich grundsätzlich eine traurige Angelegenheit, und das ist im Flair der Musik auch enthalten«, sagt der Komponist und lacht schon wieder schallend.

Löschel wollte keine Opfer generieren, also wurde alles sprachliche Material ausgesondert, der Rest gesampelt und dann Josef Novotny zur Weiterverarbeitung übergeben. Der Einsatz eines schwachen Samplers mit extrem kurzer Samplingzeit in der Primärphase zwang zu kreativem Umgang mit dem Material, was sich – in Löschels Diktion – wiederum als „ein Segen“ herrausstellte.

Löschels bzw. Josef Novotnys Umgang mit Geräuschen ist dezent. Die Musik im herkömmlichen, ja gerade konventionellen Sinn steht im Vordergrund. Die Verarbeitung erfolgt hörbar nicht durch einen Elektroniker, oder, wie Löschel sagt, „Keinesfalls Bob-Ostertag-mäßig“. Trotzdem bleibt die Möglichkeit des technologischen und damit zeitgemäßen Ausdrucks stets präsent. Wie schon auf While You Wait, wo z.B. eine Stelle im Klavier mit sequenzartiger Gleichförmigkeit repetiert wird und dich handgepielt ist, so verschwimmen auf messages nicht selten die Sounds vom Sampler mit den Klängen der Instrumente. Es geht um Übergänge, Überschneidungen, verschiedene Ebenen der klanglichen Realitätserzeugung und –erfahrung. „Es besteht die Gefahr, sagt Hannes Löschel, „dass man sich hinter der Technik versteckt. Insofern bin ich vielleicht konservativ. Obwohl mir z.B. die Mego-Leute sehr gut gefalllen, wenn da acht G3-Power – Books auf der Bühne stehen, die Gesichter der Musiker von den Bildschirmen in blassblaues Licht getaucht werden, und es geht die Mörderpost los. Auf der anderen Seite hab ich damit ein Problem, wenn ich acht Elektronikern zuschaue und nicht weiß, woher die Musik kommt. Für mich ist die Elektronik vor allem deshalb interessant, weil sie mich als akustischer Musiker zu neuen Spielweisen verleitet.“ Neue Spielweisen, die freilich so fein verarbeitet werden, dass man sie mehr erahnt als hört, die aber doch für das heutig anmutige Klima verantwortlich sind, das Löschels Musik prägt. Nicht zuletzt war hier ein selbstbewußter Meister der Reduktion am Werk. „In allen vier Stücken geht es mir um ständiges Dekomponieren, ständiges Weglassen. Das Weglassen ist immer ein guter Weg. Das ist eine Kunst, die man oft nicht zusammenbringt. Hier ist es aber gelungen.“

Von acht ursprünglich vorhandenen Kompositionsideen hat Löschel für messages vier verwirklicht. Vier Partituren mit mehr oder weniger großen, freien Handlungsfeldern für die ausführenden Musiker. Das erste Stück heißt bezeichnenderweise No Message. Die Inspiration bezog Löschel dazu aus Edison Denisovs Gesang für die Vögel. Das Klangmaterial der Instrumente ist eine unmittelbare Weiterentwicklung der gesampelten Anrufbeantworter-Sounds. Tonhöhen und Tonfolgen aus dieser Geräuschesammlung wurden direkt in musikalische Motive verwandelt. Ziel: die Sublimierung des Piepstons – denn „sonst würde es ja banal werden“.

Die Signaltöne der elektronischen Kommunikation, die sich zufällig daraus ergebenden Harmonien und die klanglichen Überlagerungen mit den Instrumenten, Löschels Verwischungstechnik, charakterisieren auch das zweite Stück Canada Ham. „Was passiert, wenn sich ein Sample mit einem Melodieinstrument so vermischt, dass man gar nicht mehr weiß, ist das jetzt eine Geige oder ist das einen elektronische Geige?“, fragt Löschel und konstruierte aus diesem Ansatz das Violinsolo für Joanna Lewis. Jeder der aus simpelstem Material gewonnenen Instrumentalstimmen ist dem Ausführenden, wie das so schön heißt, auf dem Leib geschrieben. „Das sind immer nur diese drei Töne, die bei mir das Besetztzeichen ausmachen und die dann auch das Anfangsmotiv in allen Instrumenten ergeben haben. Da kann man sich überhaupt nicht dagegen wehren, dass da ein Mollcharakter entsteht, und ich will mich auch nicht dagegen wehren. Das Motiv vom Anrufbeantworter ist nämlich eine gute Ausrede für das Moll, das ich ja sehr gerne hab.“ Inkonsequenz wird bei Hannes Löschel zum künstlerischen Stilmittel, zur Bereicherung, die niemals in verschwenderischer Üppigkeit mündet, die die Musik nicht verwässert, sondern sogar noch stabilisiert. Der Schmäh schwingt trotz melancholischer Grundstimmung immer mit: "Canada Ham ist ja fast schon Programmmusik, weil der Paul Skrepek (Schlagzeuger, der Löschel gelegentlich vorwirft, unjazzig zu phrasieren) hat am Anrufbaentworter die Ansage „888 47 96 kana daham“ (wienerisch für „niemand zu Hause“), daher kommt der Titel. Und um ihn von der Schmähebene ein bißerl herunterzubringen, hab ich die Worte anders abgetrennt. Und jetzt is‘ schon wieder a traurige G’schicht.“ Im Ausklang beweint die Violine das kommunikative Scheitern in den höchsten Tönen des Besetztzeichens, und doch wird der Musikgenuss dadurch in keiner Weise beeinträchtigt.

Nummer drei heißt Unbekannt, wegen der vielen anonymen Anrufer, die einfach wieder auflegen, die aber doch Spuren ihrer Privatheit auf dem Band hinterlassen. Das Rauschen der Klospülung, Hintergrundmusik aus dem Radio, Motoren- oder Eisenbahngeräusche, die unfreiwillig von Handybenützern übermittelt werden. Dieser akustische Müll stand am Beginn der Komposition, einer offenen Collage mit einem langen Bassklarinetten-Intro von Ernesto Molinari voller unter die Haut gehenden Spaltklänge. Der Flügel wirft die scharf überblasene Klarinette mit feinem Delay zurück, die Sounds aus Novotnys Sampler steigen langsam auf, und es entsteht einen Art Diffusion, in der die elektronischen und akustischen Vorgänge verschmelzen. „Am Schluss gibt es eine Stelle mit dem Penguin Cafe Orchestra und einer Haydn-Sonate, und dann sind da zwei Frauen – das eine ist die Joanna, die eine Probe absagt, und das andere die Renate, die meiner Freundin erzählt, wie es ihr mit der Schwangerschaft geht.“ All das sind freilich mehr anekdotische Informationen, die mit der Musik an sich möglicherweise gar nichts zu tun haben. Denn Loops zerhackt im Hintergrund abläuft, so gut wie nichts.

Rückruf, das vierte Stück, mischt Elemente aus den drei vorangegangenen und steht doch in völligem Gegensatz zu diesen: anstatt Statik herrscht da Bewegung, das Klavier fungiert als Schlaginstrument, »im Idealfall hört man nur noch ein Röhren, und die Geige wird so übertrieben hoch, dass man sie kaum wahrnimmt«, sagt Löschel, jeder Ton ist notiert, die Form geschlossen, der A-Teil kehrt rückkopiert am Ende wieder. Da wird Energie direkt und eingängig freigesetzt. Der Hörer findet dramatisch anmutende Entschädigung für den Frust mit der modernen Telekommunikation. Und so ist das Ende ein ersprießliches. Die Message lautet: Hannes Löschels Arbeit wird mehr und mehr zu einem der wesentlichsten Kristallisationspunkte promiskuitiver musikalischer Entwicklungen in der Wiener Szene.

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